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MARCEL ODENBACH
27. Oktober - 22. Dezember 2012

Dies ist die erste Ausstellung von Marcel Odenbach in der Galerie Gisela Capitain. Zu sehen sind neue Papierarbeiten sowie die Video-Installation “Außer Rand und Band“, die zeitgleich im Rahmen einer weiteren Einzelausstellung des Künstlers in der Sammlung Friedrichshof in Zurndorf und deren Stadtraum in Wien gezeigt wird. Odenbach hatte die Möglichkeit, das Archivmaterial der ehemaligen Kommune Friedrichshof zu sichten, das seit deren Schließung 1991 bis zum Frühjahr dieses Jahres nicht zugänglich war und hat Ausschnitte von Aufnahmen aus der aktiven Zeit dieser Kommune ab 1972 für seine Arbeit verwendet. Filmisch dem gegenübergestellt ist das Behandlungszimmer Freuds, das von vier Kindern auf spielerische Weise auseinandergenommen und durcheinandergewirbelt wird. Die Verfahren der Psychoanalyse Freuds und die aktionsanalytischen Sitzungen von Otto Muehl am Friedrichshof treffen in “Außer Rand und Band“ so unmittelbar aufeinander. Unter anderem war die Urschrei-Theorie von dem Psychologen Arthur Janov Grundlage für die Aktionsanalyse. “Die Psychoanalyse hat nachhaltig das zwanzigste Jahrhundert geprägt. Sie hat die Erziehung, Sexualität, Rechtsprechung wie auch unseren Umgang mit Erinnerung und Gedächtnis verändert. Die Couch von Sigmund Freud ist Symbol für die seelische Behandlung des ’modernen Menschen’ geworden. Hier werden die Abgründe deutlich gemacht und gleichzeitig eine Erlösung versprochen. Therapien sind zum täglichen Selbstverständnis geworden.“ (Marcel Odenbach)

Marcel Odenbach tastete sich an die noch nicht aufgearbeiteten Materialien des Friedrichshofs heran, so wie er sich in anderen Arbeiten der deutschen Geschichte wie dem Dritten Reich oder der DDR angenähert hat. “Ähnlich einem Detektiv habe ich die gefundenen Fragmente selbst anordnen und die persönlich überlieferten Erzählungen mit den offiziellen Bildern in Beziehung setzen müssen. Schon früh erkannte ich, dass es neben Fakten und Interpretationen auch unterschiedliche Realitäten gibt. Ich lernte, mir aus den verschiedenen Versatzstücken selbst einen sogenannten Reim zu machen. Die Collage gab mir dann die Möglichkeit, ein eigenes Geschichtsverständnis zu konstruieren.“ (MO)

Auch die kleinformatigen Collagen im mittleren Ausstellungsraum beschäftigen sich mit dem Menschen und seinem sozialen Umfeld. Vertraute Bilder aus Film und Fernsehen werden aufgegriffen und finden gleichermaßen Verwendung wie die Darstellung gesellschaftlicher Abgründe und sozialer Randgruppen. Rassismus, Diskriminierung und die Probleme der Dritten Welt - vor allem Afrika - sind Kernthemen innerhalb des künstlerischen Schaffens von Marcel Odenbach.Die Arbeit “Sitzfleisch“ im dritten Ausstellungsraum bildet Joseph Kabila ab, den Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo, einen vom Volk gewählten, aber stets umstritten gebliebenen Machtinhaber. Die Collage “Familienfeier“ steht in Zusammenhang mit der Video-Arbeit “Das große Fenster“ von 2001. Film und Collage nehmen Bezug auf den Ausblick Adolf Hitlers von seiner einstigen Residenz auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden. Diese beiden Arbeiten bestehen ebenso wie “Ein Tag am Meer“ aus einer Technik, bei der sich das gesamte Bild aus einer sehr großen Menge von Papierfragmenten zusammensetzt, die ihrerseits wiederum aus kopierten und anschließend eingefärbten Collagen (aus Zeitungsberichten, persönlichen Dokumenten, gefundenen Bildvorlagen) generiert werden. Odenbach selbst hat diese Vorgehensweise einmal so charakterisiert: “Als Künstler frage ich mich selbst, ob meine eigene neurotische Technik der Collage nicht eigentlich zu einer Art von Ersatztherapie wird?“

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