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MARCEL ODENBACH
18. April - 19. Mai 2018

Galerie Gisela Capitain freut sich, die Ausstellung "Spuren sichern" mit neuen Werken von Marcel Odenbach anzukündigen.

Marcel Odenbach (*1953 in Köln, lebt und arbeitet in Köln, Berlin und Cape Coast, Ghana) erlangte in den 1970er Jahren vor allem als ein Pionier der Videokunst international Bekanntheit und Anerkennung. Odenbachs heutiges Werk ist ebenso von seinen komplexen, collagierten Papierarbeiten bestimmt. Kernthemen seines künstlerischen Schaffens sind die Vergangenheitsbewältigung der deutschen Geschichte sowie des Kolonialismus in Afrika. Odenbach erweitert jedoch stets seinen Themenhorizont, beobachtet unterschiedliche, fremde Kulturen, und diskutiert zeitgeschichtliche Themen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung oder Unterdrückung. Gleichzeitig ist Odenbachs Werk auch immer auto-biographisch motiviert.

In seiner zweiten Ausstellung in der Galerie Gisela Capitain zeigt Marcel Odenbach fünf Papierarbeiten sowie eine Videoinstallation. Die vier Collagen im zentralen Ausstellungsraum versteht der Künstler als Selbstportraits. Thematisch und motivisch greifen sie die Medien und Themen auf, die das Werk von Marcel Odenbach vor allem in den 1970er Jahren wesentlich beeinflusst haben: Film, Ton und Papier.

Das Diptychon "Film ab", 2018 stellt zwei Filmstreifen dar: der vom Betrachter aus linke Streifen bezieht sich auf den narrativen Spielfilm "Querelle" von Rainer Werner Fassbinder, der rechte Streifen verweist auf den US-amerikanischen Künstler und Filmemacher Paul Sharits, der in den 1960er und 1970er Jahren insbesondere für seine experimentellen Flicker-Filme bekannt wurde. "Selbstportrait", 2017 zeigt die private Plattensammlung des Künstlers aus den 1970er bis 1980er Jahren, und "Atelierspuren", 2017 den grauen Boden seines Ateliers mit deutlich erkennbaren Arbeitspuren wie abgezogenen Klebestreifen oder herumliegenden Papierfetzen. Wie in Odenbachs Papiercollagen üblich, lösen sich die Motive, die aus der Distanz zu erkennen sind, in der Nahsicht in unzählige einzelne Elemente aus Zeitungen, Zeitschriften oder Fotos aus dem Familienarchiv des Künstlers auf. Die fotokopierten und eingefärbten Ausschnitte von Bildern und Texten bilden die Grundlage der Papierarbeiten, aus ihnen wird ein Bildganzes zusammengesetzt. Mit der Methodik der Collage werden Zeiten und Ereignisse geschichtet und Bildsequenzen mit Textpassagen verbunden. In dem Selbstportrait "Atelierspuren" erscheinen Bilder eines Happenings im Kölnischen Kunstverein im Jahr 1970 neben Bildern der Grenzöffnung für Flüchtlinge in Ungarn 2015. Ein weiterer Papierstreifen zeigt Portraits aus der Kindheit und Jugend des Künstlers. Odenbachs Selbstportraits sind alle auch politisch konnotiert, die Verschränkung zwischen persönlich-biografischen und allgemeinen, gesellschaftlich und geschichtlich relevanten Themen ist in seinem Oeuvre allgegenwärtig.

Innerhalb der Ausstellung erhält die Papiercollage "Tausend und eine Nacht", 2017 eine Sonderrolle. Formal gesehen ist sie Odenbachs erste Papiercollage, die in den Raum greift. Aus der Distanz gesehen zeigt sie einen sonnigen Ausblick auf eine arabisch anmutende Stadtlandschaft. Bei näherer Betrachtung der eincollagierten Fotokopien erkennt man Aufnahmen von internationalen Politikern, ehemaligen Kolonialherren und Zivilisten, politisch relevante Szenerien oder Schauplätze, Auszüge aus dem Koran und aus dem Alten Testament, aber auch Details bekannter Kunstwerke von Delacroix, Ingres oder Goya. Bei der Stadt handelt es sich um Aleppo, aus einem zerstörten Haus heraus betrachtet. All diese Bilder eröffnen beim Betrachter instinktiv Kontexte. Inhaltlich thematisiert Odenbach hier sowohl die politische Gegenwart, den Syrien-Konflikt, als auch den historischen, westlichen Blick auf die arabische Welt: den Orientalismus des 18. und 19. Jahrhunderts.

Mit der Zweikanal-Videoinstallation "Tropenkoller", 2017 setzt sich Odenbach mit der Geschichte und der Gegenwart Togos auseinander. Togo war von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg deutsche Kolonie und galt als "Musterkolonie" der Deutschen. In der Videoarbeit stellt Odenbach zeitgenössische Filmaufnahmen aus Togo historischem Dokumentationsmaterial aus der Kolonialzeit von 1913/1914 gegenüber. Die eingeblendeten Textauszüge entstammen Schriften derselben Zeit. Auf der Suche nach den Spuren der deutschen Kolonialherrschaft hat Odenbach die Originalschauplätze der Dokumentation nochmals aufgesucht und aufgespürt, wie der Versuch unternommen wurde, die Spuren dieser Epoche zu verwischen. Sie sind jedoch insbesondere in der Architektur noch allgegenwärtig und in die Lebenswelt der Bevölkerung integriert.

Sowohl in den Video- als auch in den Papierarbeiten entsteht ein Geflecht von aktuellen und historischen Bildern und Texten, das Fragen an Nationalität, Politik und Gesellschaft aufwirft. Mit dem Einsatz von Zitaten der Geschichte und der gegenwärtigen Realität "sichert" Odenbach zum einen Spuren, thematisiert aber gleichzeitig die Konstruktion von Geschichte. Die Hinterfragung von Medienbildern und ihr Anteil an der Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses ist immanenter Bestandteil seines Werks.

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