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Misia, Postwar
26. April - 20. Mai 2017

Galerie Gisela Capitain freut sich, ihre siebte Ausstellung mit der amerikanischen Künstlerin Zoe Leonard anzukündigen. In der 2016 entstandenen, ausgestellten Werkgruppe spürt die Künstlerin Themen wie Deplatzierung, Staatenlosigkeit und Entfremdung nach, sowohl aus einer persönlichen Perspektive betrachtet, als auch als soziale Bedingung begriffen.

1952 or 1953 ist das erste Werk, auf das der Betrachter in der Ausstellung Misia, Postwar trifft. Es handelt sich um eine von Leonard abfotografierte Fotografie einer zögerlich lächelnden, jungen Frau vor einer Europakarte. Leonard reproduziert das Schwarzweißporträt von, wie der Titel sagt, 1952 oder 1953 vor einem unverhältnismäßig breiten, grauen Hintergrund, der das Abbild der vornehmen, melancholisch blickenden Frau verloren erscheinen lässt.

1952 or 1953 funktioniert wie eine Einführung in die Thematik von Leonards neuem Werkkomplex, der Familien-Schnappschüsse von Frauen zeigt, die sich in den Nachkriegsjahren fortwährend in dem transitorischen Prozess einer Reise befanden. Die Frauen halten sich schiffsreisend auf dem Wasser auf, oder sind gehend in städtischer oder neorealistisch anmutender, nicht verortbarer Umgebung dargestellt. Das vermutliche Ziel dieser in Europa begonnenen Reise offenbart sich in New York Harbor I und New York Harbor II, die an den beiden Stirnwänden des weiträumigsten Raums der Galerie installiert sind. Sowohl die Motivik der Schnappschüsse, als auch die von Zoe Leonard gewählte Präsentation mit großflächigen Einrahmungen und unbestimmten Flächen, vermitteln einen Zustand von Ortlosigkeit, Rastlosigkeit, Verlorenheit und Verunsicherung.

Ebenfalls in diesem Raum ausgestellt ist eine Skulptur mit dem Titel How To Make Good Pictures. Die aus aufgereihten Bücherstapeln bestehende Skulptur zeigt nach Erscheinungsjahr sortierte, von der Künstlerin gesammelte Auflagen eines Handbuchs für Amateurfotografen. Die frühesten Publikationen stammen aus den Jahren, die zum Zweiten Weltkrieg führten, und setzen sich fort über die Nachkriegsjahre bis in die 1990er Jahre. Die Skulptur bildet eine Art Zeitstrahl für die Ausstellung, und stellt eine Verbindung zwischen den ausgestellten Fotografien und dem Aufkommen der Amateurfotografie dar. Damit verfolgt die Skulptur eine Entwicklung fotografisch inszenierter (Selbst-)Darstellung, die sich bis in die gegenwärtige, von Handy-Schnappschüssen und deren Präsentation auf Instagram geprägten Zeit, fortsetzen lässt.

Die Erwartungshaltungen, die – damals wie heute – mit diesen idealisierenden Darstellungen geweckt werden, kontrastierten mit der Realität. Die Schnappschüsse, die Zoe Leonard uns zeigt, erscheinen wie misslungene oder gescheiterte Versuche, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Zwar ist die gewählte Szenerie der Fotoaufnahmen von New York Harbor I und II eine sehr repräsentative: Die vom Wasser aus betrachtete Skyline von New York beziehungsweise die ikonische Freiheitsstatue zeichnen sich am Horizont ab. Die portraitierte Person ist jedoch entweder als dunkler Schatten im Gegenlicht oder verunsichert im Wind stehend und mit geschlossenen Augen abgebildet. Zudem strahlen die dargestellten Frauen weder Zuversicht noch Freude aus; ihre Körpersprache zeugt vielmehr von Unbehaglichkeit und Verunsicherung. Leonard beleuchtet mit ihren Werken die Diskrepanz zwischen erlernten Erwartungshaltungen und erlebter Realität. Gleichsam stellt sie die Darstellung von Geschichte in Frage, insbesondere deren Repräsentation in Form von Fotografie und den mit diesen Bildern verbundenem Anspruch, als historischer Beweis zu dienen. Indem Leonard dem Betrachter die Fotografien in ihrer Objekthaftigkeit präsentiert, mit Knicken, Rissen, Reflexionen, und Schattenwürfen, macht sie wiederum auf das Medium an sich und dessen Möglichkeiten als Stellvertreter für Geschichte aufmerksam. In der vierteiligen Arbeit Misia, postwar ist die abgebildete Frau aufgrund einer Reflexion kaum noch erkennbar. Derselbe Schnappschuss wurde von Leonard mehrmals abfotografiert, jeweils mit leicht wechselnder Perspektive. Je nach Betrachterstandpunkt werden Bereiche der Abbildung sichtbar oder unsichtbar.

Leonard verweist damit auf unseren individuell geprägten Blick auf Geschichte und darauf, dass Fotografie als komplexer, subjektiver Prozess zu begreifen ist und nicht als simpler Informationsaustausch bewertet werden kann. 

Das Ausgangsmaterial der ausgestellten Werkgruppe sind Privatfotografien aus dem Besitz der Künstlerin. Diese Fotos schildern, wie ihre eignen Familienmitglieder, deplatziert durch den Zweiten Weltkrieg, in den sich anschließenden Jahren staatenlos von Ort zu Ort reisen, bis sie schließlich in die USA immigrieren konnten. Leonards Aufarbeitung dieser Familienbilder eröffnet eine Auseinandersetzung mit unserer gegenwärtigen global-politischen Situation und mit drängenden, aktuellen Fragestellungen wie Heimatlosigkeit, Entwurzelung, Nationalität, Zugehörigkeit und Identität.

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