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Furniture Music
9. September - 4. November 2017

Galerie Gisela Capitain freut sich, ihre erste Ausstellung mit Samson Young anzukündigen.

Samson Young, geboren 1979 in Hong Kong, ist ausgebildeter Komponist, Multimedia- und Klangkünstler. Aus dem Blickwinkel eines Komponisten entwirft Young Sound-Arbeiten, Installationen, Performances, Videos und Zeichnungen, die sich zu einer Symphonie aus Bild und Musik verflechten. Sound, Video und Grafisches bilden bei Young eine Einheit mit historischen, kulturellen und technischen Recherchen. Die Verschiedenartigkeit der Formate ist charakteristisch für Youngs Werk. Wiederkehrende Themen wie Identität, Krieg oder Literatur kanalisiert Young zu medienübergreifenden, innovativen Erfahrungsräumen, indem er an die formalistischen Grenzen der eingesetzten Medien geht. Young schafft sonderbare Szenarien, die unsere alltäglichen Assoziationen zu Objekten, Geschichten und Räumen herausfordern.

Neben der präzisen wissenschaftlichen Recherche fließen politische und soziale Kontexte, Anknüpfungs-punkte an seine persönliche Biografie sowie ein emotionaler und intuitiver Zugang des Künstlers mit ein. Obwohl Young seine Arbeiten mit der Präzision und dem Strukturwillen eines Komponisten konzipiert, besitzen sie eine gewisse Ironie und spielerische Leichtigkeit.

Die Ausstellung Furniture Music ist eine Hommage an den von Eric Satie geprägten Terminus der musique d’ameublement. In fünf für die Ausstellung entstandenen Werkgruppen setzt Young sich mit diesem Experiment von Satie auseinander, auf das sich zwei zentrale Musikkonzepte des 20. Jahrhunderts beziehen: Klanginstallation und Ambient Music. Satie schlug die musique d’ambleument als eine funktionale Musik vor: „…We urge you to take no notice of it and to behave during the intervals as if it did not exist. This music […] claims to make a contribution to life in the same way as a private conversation, a painting in a gallery, or the chair on which you may or may not be seated.“ (Eric Satie, 1920)

Eine zusätzliche Ebene der Präsentation ist Youngs Hinterfragung von Geschichtsschreibung: Wie wird Geschichte geschrieben, weitergegeben, gehört, gelesen, archiviert, gefeiert? Auf unterschiedliche Art und Weise, sei es formal, inhaltlich oder gestalterisch legen die Werkkomplexe sowohl visuell als auch akustisch Youngs vielschichtige Gedankengänge zu diesen Themen dar.

Die Werkgruppe Coffee table music (some other causes for celebration) setzt sich zunächst formal mit einer visuellen Darstellungsmöglichkeit von Furniture Music auseinander. Zu sehen sind in fünf Gruppen arrangierte kleine Beistelltische, Teppiche und auf den Tischen arrangierte Coffee Table Books, die zunächst als dekorative Elemente wahrgenommen werden. Über den Inhalt der Bücher eröffnen sich weitere Ebenen der Auseinandersetzung sowie Youngs strukturelle Herangehensweise:

  • Mithilfe eines Computerprogramms komponierte Young 40 Musikstücke, eines für jeden Tag der Ausstellung.
  • Die Länge des Musikstücks entspricht den Öffnungszeiten der Galerie an dem jeweiligen Tag. 
  • Für jedes der Stücke legte Young drei Parameter fest: Motiv, Tonlage und Harmonik. 
  • Das Motiv ist von dem Feiertag inspiriert, der auf das Datum des Tages fällt. (z. B. für den „Talk Like a Pirate Day“ suchte Young als Motiv die Melodie eines Kinderliedes über Piraten aus.)
  • Die Partitur für jeden Tag ist in einem Buch festgehalten.
  • Die Bücher tragen den Titel des Feiertages, der das Thema der Komposition inspiriert hat.
  • Jedem Wochentag ist eine Bucheinband-Farbe zugeordnet. (z. B. Freitag = Blau)
  • Jeder Materialität und Form der Tische ist eine Farbe zugeordnet.
  • Samsons persönlichem Empfinden gegenüber den Tischen ist eine Farbe zugeordnet. (z. B. „I love“ = Schwarz)
  • Auf den Büchern befinden sich Zeichnungen, die sich aus diesen Farben zusammensetzen.

Neben der Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte untersucht Young die Rolle, die der Zufall in der Geschichtsschreibung spielt; wie scheinbar beliebig Vorfälle zum Zeitpunktes ihres Geschehens erscheinen, rückblickend jedoch zu bestimmenden Ereignissen der Geschichte werden. Indem Samson die Parameter für die vom Computerprogramm improvisierten Musikstücke vorgibt und diese dann in Büchern festhält, entscheidet er darüber, was in Form eines Buches zu Geschichte wird. Gleichzeitig ist das Buch mit der niedergeschriebenen Notation, die man jedoch nicht hört, eine Weiterentwicklung der Idee von Satie’s musique d’ambleument. 

Ein weiterer Aspekt ist Young’s Reflexion darüber, wie Geschichte empfunden und zelebriert wird, beispielsweise mit Events wie Feuerwerken, die auf diesen bestimmten Moment aufmerksam machen sollen, die im Laufe der Jahre jedoch zu einer in Zyklen wiederkehrenden, nebensächlich erscheinenden Regelmäßigkeit werden, der keine Beachtung mehr geschenkt wird. Das Feuerwerk wird somit zu einer beiläufigen Hintergrundmusik, oder wie in einem anderem Werk der Ausstellung, zu einem Screen Saver, der wiederum eine Hintergrunderscheinung im Sinne von Satie’s Furniture Music sein kann.

Während der Vorbereitung und Realisierung einer Ausstellung oder eines Werkes findet Young die Möglichkeit, ineinandergreifende und in sich verwobene Themenkomplexe zu formulieren, ohne dass eine einzigartige Einsicht oder Position herauskristallisiert wird. „Man landet also gewissermaßen bei einer Mind Map mit Knoten, die nicht in einem in der Schwebe gehaltenen intertextuellen Netz landen wollen.“ (Samson Young im Interview mit Jasmina Merz, 2016).

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